Logaweng

Logaweng

Gutpela moning long yupela!

Als ich den letzten Blogeintrag geschrieben habe, stand mir gerade das International Family Retreat in Alexishafen bei Madang bevor. Seitdem ist so viel Zeit vergangen. Bald ist schon die diesjährige Graduierungsfeier meiner Freiwilligendienststelle. Trotzdem habe ich das Retreat noch gut vor Augen.

Die Flüge hin und zurück waren ebenso so schön wie unmoralisch. Sie haben mir einen neuen Blick eröffnet: Es war faszinierend, die Landschaft von oben zu sehen, die ich teils schon mit Auto und Boot erkundet hatte. Finschhafen, der staatliche Verwaltungsbezirk, in dem sich auch Logaweng befindet, ist die „Wiege“ der lutherischen Mission in Papua-Neuguinea. Hier landete 1886 der erste lutherische Missionar Johann Flierl an, nach dem auch das „Senior-Flierl-Seminary Logaweng“ (SFS) benannt ist. Um die nahegelegenen Orte Simbang, Sattelberg und Heldsbach kommt man also in der Geschichte des Kaiser-Wilhelms-Landes nicht herum. Ich habe das Gefühl, dass viele Menschen in Finschhafen stolz sind, am „Nabel“ der lutherischen Mission in PNG geboren zu sein. Eine betrunkene Person auf dem Markt in Buangi rief mir zu: „Ich danke Dir, weil ihr Deutschen das Heil gebracht habt.“

Das Retreat hat sich angefühlt wie fünf Tage Urlaub. Wir Freiwilligen waren wieder vereint und unsere Aufgabe war es, die Kinder der Übersee-Mitarbeitenden zu beschäftigen, wenn inhaltliche Programmpunkte anstanden. Da jedoch die meisten Kinder noch sehr jung sind, reichten dafür eine Tasche voll mit Bastelsachen und ein wenig ungeteilte Aufmerksamkeit. Die Nachmittage haben wir an einem schönen Riff verbracht, geschnorchelt und uns über unsere bisherigen Erfahrungen ausgetauscht. Es gibt viele spannende, lustige, aber vor allem verstörende Geschichten zu erzählen. Thema des diesjährigen Retreats war „Kommunikation“. Dieser Begriff beschäftigt mich innerhalb und außerhalb meines Freiwilligendienstes sehr.

Am 8. Oktober kam ich zurück nach Logaweng. Ich war überrascht und erfreut, dass es sich schon ein bisschen wie „Nachhausekommen“ angefühlt hat. Die wenige Zeit, die ich im September in Logaweng verbracht habe, empfand ich als eher flüchtig. Oft bekomme ich die Frage gestellt: Was ist eigentlich Logaweng?

„[D]as Licht auf dem Berg“, „wie Mount Sinai“ oder „der Berg des Wissens und der Weisheit“, so beschreiben es einige Studenten. Logaweng erstreckt sich nämlich über einen etwa 200 Meter hohen Bergkamm. So hat man ein stetiges, wohltuendes Lüftchen und einen traumhaften Ausblick auf die vorgelagerten Inseln und das Meer. Im SFS werden in vier Jahren, dazwischen ein Jahr Vikariat, die Pastoren der Lutherischen Kirche PNGs ausgebildet.

Die räumliche Aufteilung des Seminars finde ich in vielerlei Hinsicht bedeutend:

Logaweng
Logaweng von oben, Entschuldigung für die schlechte Qualität
Logaweng
Übersee-Häuser

Am nordöstlichen Ende befinden sich die Häuser der Übersee-Mitarbeitenden (roter Kreis). Hier hat man die Ausstattung, die viele sich wünschen, wenn sie aus Deutschland kommend in PNG wohnen. In meinem Haus gibt es Strom, Steckdosen, einen eigenen Wassertank, eine Wasserpumpe, Zugang zu einer Waschmaschine, eine Küche samt Gasherd, Kühlschrank und Wasserfilter, ein Bad mit Toilettenschüssel und Dusche (im Haus nebenan sogar Warmwasser!), ein Schlafzimmer samt Trockenschrank und Matratze; ich habe Privatsphäre und meine Ruhe.

Logaweng
Die Kirche Logawengs von innen – für mich die schönste Kirche, die ich bisher in PNG gesehen habe

Nebenan liegen alle öffentlichen Gebäude (blauer Kreis). Das sind die Klassenräume und Büros, die Werkstatt, die Kirche, die Bibliothek und zwei Versammlungshäuser.

Logaweng
Häuser der “nationals”

Dahinter sind die Häuser der papua-neuguineischen Lehrer*innen (gelber Kreis). Darin befindet sich deutlich weniger Ausstattung. Es gibt keine Wasserpumpen, Matratzen oder Öfen und pro Person deutlich weniger Platz als bei mir oder meinen Nachbar*innen.

Logaweng
marit Doppelhaus

Dann kommen die sog. marit haus, in denen die verheirateten Studenten samt Familie wohnen (grüner Kreis). Zwei Erwachsene und einige Kinder teilen sich eine Doppelhaushälfte, bestehend aus Veranda und zwei Räumen. Davon getrennt haben sie ein haus kuk (überdachte Feuerstelle); die Sanitäranlagen teilen sich mehrere Familien. Es gibt Licht, aber keine Steckdosen und wie viel Mobiliar vorhanden ist, ist von Familie zu Familie unterschiedlich.

Logaweng
Dormitorium

Den Schluss bilden die beiden Dormitorien am Sportplatz (lila Kreis). Hier wohnen etwa 20 Studierende in einem Haus, das durch Trennwände in Zellen unterteilt ist, die etwa vier Quadratmeter groß sind. Es schlafen jeweils zwei Studenten in einem Stockbett. Es gibt ein gemeinschaftliches haus kuk und gemeinsame Sanitäranlagen.

In gewisser Weise empfinde ich die Übersee-Häuser als isoliert und von der Gemeinschaft abgeschottet. Die anderen können sehen, wann eine Veranstaltung ansteht, weil dann alle zu den öffentlichen Gebäuden laufen. Ich gehe meist auf gut Glück los, was bei mir gelegentlich Frustration auslöst, weil ich vor Ort warten muss oder zu spät bin. Ich schätze es aber auch, mich zurückziehen zu können und meine Ruhe zu haben, wenn ich sie brauche. Falls mir nach sozialem Kontakt ist, laufe ich zum anderen Ende des Geländes. Ich ärgere mich diesbezüglich über mein eigenes Empfinden, da es nicht mit meinen Prinzipien übereinstimmt.

In den Ländereien um Logaweng befinden sich die Gärten der Studenten und Familien, in denen alle ihr Essen anbauen. Die Gärten entsprechen praktisch der Definition von Subsistenzwirtschaft und würden jeder Öko-Zertifizierung standhalten. Ich habe das Gefühl, „der Garten“ ist etwas stark identitätsstiftendes in PNG und ein Ort der Gemeinschaft. Man trifft sich, arbeitet zusammen und redet zwischendurch. Ich selbst habe den Plan, mir nur ein kleines Erdnuss- und Bohnenfeld anzulegen, da ich gerne auch einen Garten hätte, aber für aufwendigere Schützlinge keine Zeit habe.

Je länger ich nun am SFS bin, desto mehr habe ich zu tun, meine To-do-Liste wächst. Ich möchte kurz beschreiben, was ich im Moment mache:

Die erste Aufgabe, die ich übernommen habe, war der Buk Stoa. Dieser kleine Bücher- und Schreibwarenladen Logawengs ist traditionell Aufgabe der Freiwilligen. Dienstag nachmittags bekommen hier die Menschen des Seminars alles, was sie für ihre Arbeit brauchen.

Einmal die Woche bin ich im Kindergarten, ein von den Müttern Logawengs betreuter Service. Alle anderen Mütter können dann von 8:30 bis 10:00 die sog. meri klas (Frauenunterricht) besuchen, in der sie Lesen, Schreiben und Nähen lernen und einige theologische Themen behandeln. Jeden Donnerstag versuche ich, für die kakaruk grup (Hühnergruppe) etwas Besonderes zu machen und den sonst recht disziplinierten Kindergarten z.B. mit Schatzsuchen, Gruppenspielen und Backaktionen etwas aufzulockern.

Hin und wieder habe ich abends Aufsicht in der Bibliothek. Ich soll darauf achten, dass niemand beim Verlassen der Bibliothek Bücher mitnimmt. Anscheinend wurde mit dem Verleih von Büchern so schlechte Erfahrungen gemacht, dass das Ausleihen von Büchern mittlerweile untersagt ist. Wirklich kontrollieren tue ich die Taschen der Studenten allerdings nicht. Die meiste Zeit quatsche ich einfach mit ihnen.

In der pikinini library (Kinderbibliothek) ist das Ausleihen von Büchern erlaubt, auch wenn damit Bücherschwund einhergeht. Jeden Freitag öffne ich sie zusammen mit anderen Zuständigen. Ich freue mich sehr über das zahlreiche Erscheinen der Kinder Logawengs und habe vor, im Dezember einige Arbeit in die „Restauration“ der Kinderbibliothek zu stecken. Die meisten Bücher kommen als Spenden aus den Partner*innengemeinden in Deutschland, Australien und den USA und sind mittlerweile etwas abgewetzt.

Ich finde schade, dass kaum Kinderbücher auf Tok Pisin oder den tok ples („Dorfsprachen“, davon gibt es über 800 in PNG) vorhanden sind. Generell sind kaum Bücher von Autor*innen aus Ländern des Globalen Südens vorhanden, geschweige denn aus PNG. Solche Bücher sind schwer zu beschaffen. In vielen afrikanischen und asiatischen Ländern gibt es entsprechende Stiftungen und politische Initiativen, um Autor*innen of colour und die (sprachliche) Vielfalt von Kinderbüchern zu fördern. In PNG? Fehlanzeige. Für mich ist es eine befremdliche Vorstellung, dass in den Ländern des globalen Nordens Bücher „gespendet“ werden, deren Sprache und Geschichten fern der Lebenswelt der Kinder liegen. Ich zerbreche mir den Kopf über mögliche Quellen korrekterer Bücher.

Ähnlich geht es mir im Englischunterricht. Es war schwer für mich, eine geeignete Short Story von einer*m Autor*in aus PNG zu finden. Im Englischunterricht werden mir viele Freiheiten gelassen (wie in allen anderen Bereichen auch) und ich habe große Freude daran, die Stunden vorzubereiten. Leider laufen sie selten so, wie ich es mir wünsche. Immer wenn ich denke, die Unterrichtsstunde würde der absolute Knaller – voll mit Informationen, Übungen, Spielen, Meinungsaustausch und Feedback – kommt mir meine Klasse leicht verwirrt vor. In der Nachbereitung der Stunden philosophiere ich über die Gründe. Verstehen sie vielleicht nicht, was ich sage? Sind sie meinen Unterrichtsstil nicht gewohnt? Finden sie schlichtweg meine Methodik blöd?

Ich weiß vom Hospitieren bei anderen Lehrer*innen des SFS und von Besuchen an Schulen in PNG, dass Frontalunterricht die Regel ist. Auch wenn ich mich selbst durchaus gern reden höre, habe ich nicht das Gefühl, dass 45 min „Cornelius erzählt“ die Englischfähigkeiten der Studenten enorm verbessern würden. Ich denke, es liegt an mir, die Klasse zu motivieren, mit mir andere Wege zu gehen. Ich bin gespannt, wie sich mein Englischunterricht im Laufe des Freiwilligendienstes entwickelt.

Mit der Klasse, in der ich Englisch unterrichte, organisiere ich auch einen Chor für die diesjährige Graduierungsfeier. Ich bin froh, dass die Studenten des dritten Jahrgangs musisch sehr begabt sind, denn mit musikalischer Zusammenarbeit habe ich in PNG schon verschiedenste Erfahrungen gemacht. Dass Leute zu vereinbarten Terminen zu spät kommen oder gar nicht erst erscheinen, nehme ich mittlerweile immer gelassener. Mich regt jedoch vor allem die Probenarbeit auf. Musik bietet eine schöne Art der Verständigung, doch ist es auch Arbeit, miteinander einen gemeinsamen Weg zu finden. Übe-Hygiene, Technik, Theorie und Disziplin sind anders als ich es aus den Jugendorchestern und Ensembles gewohnt bin, in denen ich in Deutschland gespielt habe. Meinen Ärger darüber kann ich nur selten verstecken und ich habe das Gefühl, in diesen Momenten mit meinem gereizten Auftreten „kulturell anzuecken“.

Sehr viel Arbeit habe ich in den letzten Wochen in das diesjährige Yearbook gesteckt. Ich habe das Gefühl, dass das Konzept „Yearbook“ den meisten Personen hier am Seminar nicht sehr naheliegt. Dennoch wurde ich dafür angefragt und die diesjährigen Absolvent*innen haben ihr Interesse gezeigt. Dabei habe ich noch mehr darüber gelernt, wie wichtig und komplex wanbel-Prozesse sind. Ein wanbel (Einigung, wörtlich „Ein-Bauch“) ist das Einverständnis aller beteiligten/betroffenen Personen. Ich bin glücklich über den Verlauf dieses Projektes und wirklich zufrieden mit dem Ergebnis.

Ein weiteres Projekt, das ich übernommen habe, ist das „Breakfast Projekt“. An bestimmten Wochentagen bekommen die Studenten und Mitarbeitenden morgens eine Packung Cracker und Instantkaffee. Manchmal kämpfe ich damit, dass Regeln nicht eingehalten werden, was wohl aus Geldnot und Hunger resultiert. Dennoch sorgt der starke soziale Druck für einen weitestgehend reibungslosen Verlauf.

All diese Aufgaben zusammen fallen zeitlich nicht nur annähernd so stark ins Gewicht wie eines: mein Haushalt. Im tropischen Klima PNGs habe ich das Gefühl, dass ich nur „dem Verfall entgegenwirke“. Beim Putzen, Kochen, Abspülen, Stromausfälle bewältigen, Wasser holen, Insekten und Schimmel bekämpfen, Klamotten waschen, im Garten, beim Einkaufen etc. rinnt mir die Zeit durch die Finger, ohne dass ich besondere „Erfolgsgefühle“ habe. Mein Mantra: „Ich lerne fürs Leben.“ Damit kann ich mich über Wasser halten.

Insgesamt fühle ich mich immer wohler und ich habe das Gefühl, immer mehr zu verstehen. Mein Tok Pisin wird besser und ich denke, dass meine Sensibilität für bestimmte soziokulturelle Themen wächst, z.B. lerne ich, wie ich in Konfliktsituationen passend kommunizieren kann. Es gibt emotionale „Aufs“ und „Abs“ und vieles, das mir nicht leichtfällt. Trotzdem bin ich froh, den Schritt in diesen Freiwilligendienst gewagt zu haben und ich spüre, wie viel ich tagtäglich dazulerne, neu reflektiere und mich dadurch verändere. Ich bin sehr dankbar für das Privileg, dieses Jahr machen zu dürfen. Ich weiß zugleich, dass ich diese ambivalenten Erfahrungen sicher auch anders hätte machen können. Mich beschäftigt es, dass ich jeden Tag mit Jugendlichen aus der Gegend zusammen bin, die aufgrund von Rassismus, dem absurden globalen Machtgefälle, den (neo-)kolonialen und patriarchalen Strukturen und unzähliger weiterer Gründe nie die Möglichkeit haben werden, mein Zuhause in Hamburg zu erleben.

Lukim yu!

Cornelius

Comments 1

  1. Johann Hinrich Claussen

    Lieber Cornelius,

    diesen Blog habe ich mit großem Interesse gelesen. Denn ich will natürlich wissen, wie es Dir in der Ferne geht. Zum anderen beschäftige ich mich gerade sehr mit Fragen von Mission und Post/Kolonialismus. Außerdem hat mich einiges an mein Jahr in Argentinien erinnert.
    Viele Grüße aus der, nun ja, Heimat!
    Dein
    Johann

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