Verkehrssünder am Pranger (27.09.2019)

Ein Punktesystem in China? In Deutschland kennen wir höchstens die Flensburger Punkte, die uns für Fehlverhalten im Verkehr bestrafen sollen.  Ein jeder hat aber wohl im letzten Jahr aber von den „chinesischen Punkten“ in den Medien gehört, einem neuen Konzept sozialer Ordnung. Ich habe das zumeist belächelt. Natürlich ist so etwas in Großstädten umsetzbar, aber doch nicht auf dem Land, wer will da schließlich Kameras, etc. anbringen?

Eine kurze Einführung in das Thema: Das Punktesystem ist aktuell in noch kleinem Rahmen in einer Testphase. Wird das Projekt umgesetzt, erhält jeder Staatsbürger ein digitales Punktekonto und wird je nach Punktestand als „guter“ oder „schlechter“ Bürger identifiziert und erhält dementsprechende Vorzüge in jeder erdenklichen Lebenslage, oder eben nicht. Das kann von der Beantragung eines Kredits bis hin zu Auslandsreisen führen. Zur Berechnung werden Daten von 50 verschiedenen, chinesischen Behörden hinzugezogen. Kritiker meinen, der Mensch werde dabei entpersonifiziert, zu einem einfachen Datensatz in einer Datenbank. Doch: was sagen eigentlich Chinesen dazu und wie ist so ein Kontroll-Apparat von solch einem Ausmaß überhaupt realisierbar? In der letzten Woche habe ich mich abseits meines eigentlichen Auftrages etwas damit auseinandergesetzt.

Eine der Hauptbedingungen für die Umsetzung des Vorhabens ist eine schier endlose Anzahl von Kameras. Aber wo begegnen einem all diese Kameras? Besonders in den ersten Wochen in China fiel es mir auf, wie oft ich – nur um in Museen oder Sehenswürdigkeiten zu kommen – mein Gesicht in Kameras halten und meinen Reisepass vorzeigen musste. Übertroffen wurde all dies nur noch am chinesischen Flughafen. Nicht nur wurden an jeder Sicherheitskontrolle Bilder von mir gemacht, nein ich musste zudem noch alle meine Fingerabdrücke einspeichern lassen, sowie durch temperaturerkennende Sperren hindurch, bei welchen ich auf grundsätzliche Gesundheit geprüft wurde.

Aber wie sieht das jetzt im Alltag aus? Verlasse ich am Morgen meine Wohnung, begegnet mir schon die erste Kamera im Flur, gefolgt von zwei Kameras im Treppenhaus und einer weiteren am Ausgang des Lehrergebäudes. Gehe ich weiter zum Schulgebäude hinüber, werde ich von weiteren Kameras beobachtet, welche an jeder nur erdenklichen Ecke installiert sind. Ebenso dann im Schulgebäude: Nicht nur im Treppenhaus, sondern auch in den Fluren kann jeder meiner Schritte aufgezeichnet werden, selbst viele der Klassenzimmer sind mit einer Kamera oberhalb der Tafel gespickt. Fahre ich abends mit dem regulären Bus in die Stadt, so beobachten mich darin weitere fünf Kameras, welche jeden nur erdenklichen Punkt im kleinen Bus für die Ewigkeit festhalten. In der Innenstadt angekommen, sind an jeder Ampel obligatorische Kameras installiert, sowie auch in jedem Geschäft mindestens zwei bis drei. In Großstädten ist das Phänomen noch weiter vorangeschritten. Besonders in Mode sind dabei anscheinend aktuell Kameras an Straßenkreuzungen, welche kleinere Verkehrs-Vergehen festhalten. So registriert die Kamera einen Fußgänger, welcher in einer roten Ampelphase die Straße überquert und erstellt mehrere Fotos von ihm oder ihr. An jeder größeren Kreuzung sind große Monitorleinwände installiert, auf welchen dann im 5-Sekunden-Takt diese Fotos von den Verkehrssündern eingespielt werden und das bis zu 24 Stunden nach dem Vergehen. Gleiches auch für Autofahrer, bei denen gleich auch noch das Kennzeichen von der Kamera miterfasst und signifikant am Bildrand eingeblendet wird. Was für uns vielleicht zunächst noch eher witzig und harmlos erscheint, ist hier in einem Land, in dem jedes kleinste Fehlverhalten schon zum Gesichtsverlust führt, sehr unangenehm. Kaum vorstellbar: bald kommt zu dieser gesellschaftlichen Scham dann noch eine Punkteabzug hinzu. Wie man der Beschreibung vielleicht entnehmen kann, ist es schwer, in China unerkannt zu bleiben.

Aber natürlich braucht es mehr als nur Kameras, um die chinesischen Bürger zu durchleuchten. Chinas Regierung hat des Weiteren unbegrenzten Zugriff auf alle, von „WeChat“ gesammelten Daten. „WeChat“ ist das chinesische Pendant zu Online-Messenger-Diensten wie „WhatsApp“, und hat allein in China über 963 Mio. aktive Nutzern (Oktober 2017). China ohne „WeChat“ – das kann ich mir nach nunmehr bald zwei Monaten in China nicht mehr vorstellen. Anders als in Deutschland, läuft in China nicht nur Chatten über einen solchen Social-Media-Dienst, nein auch bezahlen tut man überall damit. Wie das geht? Über „WeChat-Pay“, eine in der App enthaltene Funktion, die einen Zugriff aufs eigene Konto erlaubt. Öffnet man über die App seine Handykamera, so kann man problemlos „QR-Codes“ einlesen und Geld überweisen. Einen eigenen QR-Code hat hier jeder kleinste Straßenverkäufer. In Lanzhou, der Provinzhauptstadt, habe ich sogar einen Bettler gesehen, der ein Schild mit seinem QR-Code vor sich liegen hatte. Aber auch Hotel, Taxi und Restaurant lassen sich damit bezahlen. Kartenlesegeräte hingegen sucht man hier vergebens.

Aber was hat das nun mit dem Punktesystem zu tun? Nicht nur liest die Regierung jede einzelne Nachricht mit, nein, sie hat auch Einblick in einen Großteil aller in China getätigten Geschäfte. Kameras und „WeChat“ an dieser Stelle nur als zwei markante Beispiele, hinzu kommen natürlich noch Datensätze von allerlei Behörden, die schließlich den „gläsernen Menschen“ perfekt machen.

Doch was halten nun eigentlich die Chinesen von dem ganzen System? In der letzten Woche habe ich vier Personen befragt, zwei meiner Schüler, einen Lehrer sowie einen Fahrer, der mich vor einigen Wochen nach WenXian gebracht hat. Wie man eventuell merkt, bin ich dem ganzen System gegenüber relativ kritisch eingestellt. Umso überraschter war ich, als nicht nur Fahrer und Lehrer, sondern auch beide Schüler voll und ganz von dem System überzeugt zu sein schienen und sich kaum darum zu scherten, was mit ihren Daten passiert. Vielmehr empfanden sie es als positiv, dass Personen, die sich nicht an die Rahmenbedingungen hielten, dafür auch bestraft würden. Besonders der Satz von einem meiner Schüler blieb mir dabei im Kopf hängen: „China kontrolliert mich nicht, es schützt mich.“ Diese Einstellung scheinen hier viele zu teilen. Da wundert es mich wenig,, dass anlässlich des 70-jährigen Jubiläums der chinesischen Volksrepublik, das nächste Woche mit riesigen Paraden zelebriert werden wird, jetzt auch schon im hintersten Gebirge in China, die Straßen mit Plakaten und Nationalflaggen gepflastert sind.

Die Zukunft wird zeigen, wen ein solches System wirklich schützt: Den Bürger vor negativen Einflüssen oder doch die Mächtigen vor frei denkenden Bürgern?

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