Griechischer Wein (31.08.2019)

Wüste. So weit das Auge reicht. In weiter Ferne gigantisch anmutende Berge. Ich beschreibe eine Postkarte. Aber das soll eine Postkarte aus China sein? Wohl kaum! Umso verwunderter bin ich als ich diese Landschaft letzte Woche erleben darf. Wir besuchen das westliche Ende der Chinesischen Mauer in Jiayuguan. Mit großen Erwartungen fahren wir zum Kastell, welches das Ende der Mauer darstellt. Umso enttäuschter sind wir, als wir das „Mäuerchen“ vorfinden, welches hier in der Wüste ziemlich mickrig wirkt. Das Kastell ist dafür umso schöner. In mir kommen wahrlich Kindheitserinnerungen hoch, zurückerinnert an den Disney Klassiker „Mulan“. Trotz der Lage inmitten einer überaus kargen Landschaft, sind überall chinesische Touristen, die eifrig fotografieren. Schnell aber sehen sie eher uns, als deutsche Freiwilligengruppe, als Attraktion an, sodass teils sogar die wahre Intention ihrer Ausflüge in den Hintergrund rückt und wir für Fotos mit ihren Kindern herhalten dürfen. Außerhalb der Mauern in der Htze liegen Kamele in der erdrückenden Hitze, die gegen geringe Kosten geritten werden können. Ich verzichte. Kamele reiten in China? Das habe ich mir irgendwie anders vorgestellt.

Nach nunmehr drei Wochen im Land der Mitte komme ich langsam wirklich an. Essen bestellen, oder auch der Einkauf muss nach wie vor durch Übersetzer App und mit Händen und Füßen erledigt werden, jedoch lerne ich Woche für Woche überlebenswichtige Phrasen. Die Zeit in Jiuquan auf dem Lehrerseminar ist intensiv, aber auch sehr hilfreich. Während wir vormittags unsere Übungsstunden vorbereiten, haben wir nachmittags kulturelle Aktivitäten mit einem einheimischen Englischlehrer. Zusammen mit ihm besuchen wir ein Einkaufszentrum oder auch die lokale Poststation und bekommen grundlegende Informationen vermittelt. Abends haben wir meistens Freizeit. In dieser erkunden wir die Millionenstadt auf eigene Faust, und besuchen unter anderem ein Kino, in dem tatsächlich auch ein westlicher Blockbuster mit englischem Audio läuft…eine willkommene Abwechslung! Aber auch ein Besuch im KTV (chinesische Karaokebar) mit unseren Verantwortlichen ist dabei. In China eine sehr beliebte Aktivität. In einem eigenen Separee geben wir Freiwilligen unsere Englischkünste bei allerlei Hits der 2000er zum Besten, aktueller sind die Lieder leider nicht. Die Zeit vergeht wie im Flug. Schnell ist also auch meine erste Probestunde gekommen.

Knapp 40 erwartungsvolle Schüler stehen von ihren Plätzen auf und begrüßen mich an diesem Mittwochmorgen. Zwei Tage Arbeit habe ich in die Stunde gesteckt. Unter anderem habe ich einen Lesson-Plan erstellen müssen und Spiele und Flashcards vorbereitet. Aufgeregt begrüße ich die Schüler und bitte sie, sich wieder hinzusetzen. Meine Stunde behandelt das Thema Reisen. Für die Schüler im Alter von 14-17 Jahren ist das nicht gerade ein alltägliches Thema. Nach einem kurzen Einstieg beschreibe ich anhand einer großen Weltkarte meine Reise aus Deutschland bis in den hohen Norden Chinas. Daraufhin lasse ich die Schüler schätzen, wie lange die reine Reisezeit wohl gewesen sein könnte. Nach dem ich drei Antworten im Bereich zwischen einer und drei Stunden erhalten habe, löse ich schließlich auf. Es waren weit über 30 Stunden. Kaum fassbar für die Schüler. Geflogen ist noch keiner von ihnen, wie sich herausstellt. Umso passender ist mein nächstes Spiel, für das ich extra für jeden Schüler ein Flugticket am Computer zusammengebaut habe. Anhand dieses Flugtickets befragen sich die Schüler, wann ihr Flug startet und wohin sie überhaupt reisen werden. Eine recht abstrakte Aufgabe für sie, aber gleichzeitig auch spannend. Beim Ausdrucken im Copyshop neben der Schule hatte der Besitzer mich nur erstaunt angeguckt, als er am Computer sah, wie viele Flugtickets er ausdrucken sollte mit Zielen wie Paris oder Shanghai. Es braucht recht lange, bis ich ihm erklären kann, dass ich es nur als Unterrichtsmaterial nutzen will, und die Tickets nicht echt sind. Eine von vielen witzigen Situationen. Nach den kurzen Dialogen, die sich teils doch als recht schwierig erweisen, versuche ich mit den Schülern einen kleinen Wettkampf auszufechten, denn wie immer wieder von unseren Mentoren erklärt wird: Chinesische Kinder lieben den Wettkampf. So erkläre ich ihnen, wir würden einen Camping Ausflug machen, und sie sollen mir sagen, was unbedingt mitmuss. Nachdem ich zwei Teams gebildet hatte, meldete sich bloß leider keiner, obwohl ich das Spiel zweimal erkläre. Wie sich herausstellt, wissen sie nicht, was campen ist, obwohl es eigentlich Teil ihres Englischbuches ist, an welchem ich mich orientiere. Mit sehr vielen Tipps und Bildern schafft es schließlich ein Team das Spiel zu gewinnen. Schließen tue ich die Stunde mit dem Klassiker „Ich packe meinen Koffer“, der überraschenderweise sehr gut funktioniert und mit Begeisterung angenommen wird. Geschafft! Insgesamt bin ich zunächst nicht wirklich zufrieden, weil meine Aufgaben teils nicht dem Englischlevel der Schüler gerecht werden, aber damit bin ich nicht der Einzige. Das Hauptproblem der meisten Freiwilligen liegt darin, dass wir uns an dem Stoff der Lehrbücher orientieren. Zwar können die Schüler sehr gut geschriebenes Englisch lesen und Aufgaben bearbeiten, allerdings sind ihre Möglichkeiten, die Sprache mündlich zu nutzen, sehr begrenzt. Grund dafür ist auch das die chinesischen Englischlehrer selbst oftmals Probleme mit der Aussprache haben. Darin wird die nächsten 11 Monate über meine Aufgabe liegen. Der Unterricht mit den Schülern hat mir sehr viel Spaß bereitet und auch ihr Interesse an der Sprache und der Spaß, den sie mit diesem interaktiven Unterricht haben, ist deutlich erkennbar. Einen schöneren Lohn gibt es denke ich nicht. Am Ende des Seminars bekommt jeder chinesische Schüler bei einer großen Abschiedsparty, bei der wir Freiwilligen deutsche Klassiker wie „Griechischer Wein“ unter viel Gejubel zum Besten geben, ein Zertifikat, was ihr Engagement bescheinigt. Nach einem ausführlichen Fotoshooting mit allen Schülern ist unser Seminar dann auch schon wieder vorbei.

Gestern sind wir mit dem Schnellzug in die 10 Millionen Stadt Lanzhou gefahren und haben heute einen weiteren Medical Test für unser Visum gemacht. Nun gibt es wirklich nichts mehr, was China nicht über mich weiß. Aber dazu ein anderes Mal mehr! Morgen geht es dann nach WenXian und ich darf meine Wohnung beziehen. ENDLICH!

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