“Die drei ???” am Fluss (13.09.2019)

Wohnzimmer, Schlafzimmer, kleine Nasszelle und eine aus einer Elektroplatte und Wasserkocher bestehende Küche. Meine erste eigene Wohnung, wenn auch auf ein Jahr befristet. Wie man der Beschreibung entnehmen kann, bin ich ENDLICH an meiner Schule in WenXian angekommen.

Zwischen dem letzten Artikel und WenXian lag noch eine dreistündige Fahrt durch wunderschöne Gebirgslandschaft.

Wir, also mein Mitfreiwilliger Jona aus Aschaffenburg und ich, staunen nicht schlecht, als wir die Kulisse der Stadt und der Schule das erste Mal erblicken. Inmitten so gigantisch grüner Berge fühlt man sich fast schon winzig und unbedeutend. Besonders für mich als Flachländer eine ganz neue Erfahrung. Nach kurzer Führung durch unsere Wohnungen geht es direkt weiter zu einem großen Willkommensdinner für alle Lehrkräfte unserer Schule. Bei Reiswein und Bier lernen wir Direktion und zuständige Lehrer kennen. Alle freuen sich riesig darüber, dass wir da sind und sind sehr interessiert an uns. Die nächsten beiden Tage – es ist Wochenende – schauen und ich uns zunächst die Stadt an und lernen erste Lehrer kennen, die uns auch prompt zum Mittagessen einladen und in interessante Diskussionen verwickeln. Da wir auf dem Schulcampus wohnen, werden wir natürlich auch schnell von den Schülern entdeckt. Aufgeregt trauen sich die Mutigen unter ihnen, uns ein „Hello!“ entgegenrufen und freuen sich riesig über jegliche Antwort. Ich nutze unsere ersten beiden Tage für einen Spätsommerputz sowie zur Einrichtung meiner „ersten“ Wohnung. Nachdem wir uns zwei Englischstunden von hiesigen Englischlehrern angeschaut haben, geht es dann auch für mich los.

Zehn Minuten zu früh und recht aufgeregt treffe ich meine erste richtige Klasse. Die erste von insgesamt 11 Klassen, die ich pro Woche unterrichte. Was zunächst noch wenig wirkt, ändert sich spätestens, wenn man realisiert, dass die Klassen aus mindestens 50 bis 60 Schülern bestehen. Dementsprechend groß die Aufgabe, jedem dieser Schüler in der ersten Stunde einen englischen Namen zu geben. Mit großer Aufregung folgen die Schüler der Stunde, in der ich von mir und meiner Heimatstadt berichte. Besonders ein Bild vom sommerlichen Stadtstreek gefiel vielen der Schüler, auch wenn der Name Rotenburg (Wümme) für viele eher befremdlich wirkt.

Inzwischen habe ich die erste Woche hinter mir und auch die gröbsten organisatorischen Hürden geschafft: ich habe einen Platz in einem der vielen Lehrerzimmer, eine Mensakarte und die Funktionen des Wasserspenders im Lehrerzimmer sind geklärt. Ab nächster Woche laufen dann auch Chinesisch-Unterricht und ersten Taiji-Stunden an. Ich bin gespannt!

Mein Stundenplan ist sehr freundlich gegenüber Langschläfern – so liegen die meisten Stunden im Nachmittagsunterricht. Allerdings nutze ich die Zeit morgens, um meinen Unterricht vorzubereiten oder auch, um mit anderen Lehrern aus meinem Lehrerzimmer zu reden. Auch wenn viele zunächst aus Scham vor ihren Englischkenntnissen nicht von selbst auf mich zukommen, freuen sie sich umso mehr, angesprochen zu werden. Eine Lehrerin lud mich spontan, nachdem ich sie im Schulbus kennengelernt hatte, zu sich Nachhause zum Abendessen ein. Bei ihr angekommen, lernte ich ihre Eltern, sowie Mann und Kind kennen und verbrachte gemeinsam mit ihnen den Abend. Es sind diese unvorhersehbaren Kontakte und Situation, die die letzten zwei Wochen für mich so unglaublich spannend gemacht haben.

Langsam schaltet sich eine Routine in meinem Leben ein. Ein „All-Tag“ sieht aktuell so aus: Nach einem kurzen Frühstück in der Mensa, begebe ich mich in das Lehrerzimmer. Um 9:00 strömen alle Schüler auf den gigantischen Sportplatz. Nach Klassen sortiert laufen sie daraufhin für 15 Minuten im Kreis, stets im Rhythmus traditioneller chinesischer Marschmusik, die durch quäkende Lautsprecher erschallt.  Daraufhin habe ich bis ca. 12:00 Unterricht oder Vorbereitung. Um 11:50 begebe ich mich erneut in die Mensa, ein wahrlich riesiges Gebäude, bestehend aus drei Stockwerken mit jeweils eigenen Küchen und drei kleinen Läden. Wenn ich um 12:00 dann einen Sitzplatz ausgesucht habe, höre ich mit dem ersten Klingeln der Schulglocke schon das laute Trampeln auf dem Mensa-Vorplatz. Über 2500 Schüler wollen jeweils die Ersten in der Schlange sein und laufen jeden Tag erneut, als ginge es um ihr Leben. Täglich ein schönes Schauspiel. Auf das Mittagessen folgt eine zweistündige Mittagspause, in der ich in meiner Wohnung entweder schlafe oder Serien schaue. Den Nachmittag über sind dann erneut Unterrichtsstunden bis 18:00. Daraufhin nehme ich den Bus und fahre in die drei Kilometer entfernte Innenstadt, um zu Abend zu essen. Meist gibt es Nudeln oder Baozi, eine Art gefüllte Teigtasche. Den Weg zurück zur Schule jogge ich an einem großen Fluss entlang Nachhause. Inmitten über 2000m hoher, grüner Berge höre ich dann „Die drei Fragezeichen“, ein wahrlich witziger Kontrast. Wenn ich schließlich am Schultor ankomme, sitzen die Schüler bereits wieder in ihren Klassenzimmern und haben bis 23:00 evening class. Ich habe damit nichts zu tun, gehe in meine Wohnung und „skype“ oder schaue Filme. Da China westliche Copyright-Regelungen größtenteils nicht anerkennt, gibt es hier allerlei Internetseiten, auf denen man „legal“ englische Filme und Serien schauen kann. Bei all der Begrenzung des Internet wenigstens ein positiver Aspekt für mich. Gegen 24:00 geht´s  Schlafen. Am Wochenende habe ich frei – im Gegensatz zu den Schülern, die auch samstags Unterricht haben. Ich erkunde die Stadt oder gehe dann Wandern. Allerdings sind die Berge dafür nicht so recht ausgelegt, so gibt es keine richtigen Pfade oder Routen. Doch haben wir einen Lehrer kennengelernt, der in den kommenden Tagen mit uns zunächst noch einen etwas „kleineren“ Berg besteigen will. Ich bin schon voller Vorfreude.

Wie man wahrscheinlich meinem Schreiben entnehmen kann, fühle ich mich hier sehr wohl. Nicht nur meine Wohnung, sondern auch die Umgebung ist wirklich schön und vor allem die Menschen sind unglaublich freundlich. Ich freue mich jeden Tag neu auf das gemeinsame Arbeiten mit meinen Schülern, auch wenn ich jetzt schon den Gedanken aufgegeben habe, alle ihre Namen zu lernen. Ich hoffe, ich konnte einen groben Eindruck von meinem „All-Tag“ geben. In der übernächsten Woche möchte konkreter auf Einzelheiten eingehen und über meine Stadt oder auch Umwelt und Natur hier vor Ort berichten.

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