“They said they like your nose”

Nachdem die Schüler ihre anfängliche Schüchternheit abgelegt hatten, wurde ich regelrecht mit Fragen bombardiert. “Do you have a boyfriend?”, “Do you have Facebook?”, “Do you miss your friends/family?” und “Do you like the Philippines?” habe ich fast jeden Tag, den ich in der Schule war, gehört. Und die Frage nach Geschwistern, die dann fast immer folgendes Gespräch nach sich zieht:
Schüler: “Do you have siblings?”
Ich: “Yes, two brothers. They are twenty-one and thirteen years old.”
Weil die Schüler zwischen zwölf und etwa sechzehn Jahren alt sind, gilt das Interesse in der Regel eher meinem kleinen Bruder. Meist werden an dieser Stelle dann schon Freunde hinzugezogen, mit dem Kommentar “Her brother ist thirteen – just like you.” Nachdem sein Name erfragt ist, folgt dann unweigerlich die nächste Frage: “What’s his Facebook?” In der Regel ist die Enttäuschung groß, wenn ich dann antworte, dass er weder Facebook noch Instagram hat. Entweder bewegt sich das Gespräch dann in eine andere Richtung, oder die Schüler fragen nach einem Foto von meiner Familie. Nun habe ich nur ein einziges Bild von meiner Familie auf dem Handy, und die Qualität ist mäßig. Eines kann man auf diesem Bild aber eindeutig erkennen: Die hellblonden Haare von meinem kleinen Bruder. Was dann folgt, war beim ersten Mal komisch, beim zweiten Mal befremdlich und beim dritten Mal fast traurig: “I love his hair.” “He looks handsome.” “His hair is beautiful.” “I wish I had his hair.”

Eine andere Situation: Der erste Schultag, an dem Madita und ich gearbeitet haben. Ich sitze hinten im Klassenraum, neben mir Sir Kurt, der Lehrer der Klasse, umringt von einer Gruppe Schüler. Ich verstehe nicht mal, ob die Schüler Tagalog oder Hiligaynon miteinander sprechen, aber ein Wort taucht immer wieder auf, das aus dem Spanischen kommt: guapa. Aus dem Spanischunterricht in der Schule ist nicht viel hängengeblieben, guapa sagt mir aber tatsächlich etwas: schön. Weil die Schüler sich nicht trauen Englisch zu sprechen, übersetzt Sir Kurt einiges. Ein Satz ist mir besonders in Erinnerung geblieben: “They said they like your nose.”

Eine dritte Situation, die ebenfalls mehrfach aufgetreten ist: Das Gespräch dreht sich früher oder später fast immer zumindest kurz um unsere Hautfarbe, oft eingeleitet mit “I like your skin. Here in the Philippines, we want to have light skin.” Wenn wir dann erklären, dass in Deutschland die Menschen versuchen braun zu werden, ist die Reaktion meist überrascht, fast ungläubig, dass die eigene Hautfarbe als schön gelten kann.

Diese drei Situationen sind die, an die ich mich am deutlichsten erinnern kann. Und jedes Mal ist der Unterton derselbe: Du bist schön, weil du weiß bist. Das ist auf der einen Seite für mich oft unangenehm, und zeigt auf der anderen Seite, wie tief das Denken, helle Haut und europäisches Aussehen seien besser, eingebrannt ist. Vielleicht nicht bewusst, aber auch bei Menschen, die von diesem Denken nicht profitieren. Und gleichzeitig frage ich mich immer häufiger, wie oft sich diese Vorstellung in mein Handeln und Denken schleicht. Leider habe ich auf diese Frage keine Antwort, aber obwohl diese Situationen immer seltener werden, wird mich diese Frage sicherlich noch einige Zeit beschäftigen.

Comments 1

  1. Hallo Lone,
    danke für deine Schilderung und deine Gedanken. Erst musste ich ein bisschen lachen bei der Beschreibung und der Anhimmelung deiner Brüder, aber sobald deutlich wird, worin dies alles begründet ist, fängt das Nachdenken wieder an. Ich bin gespannt, wie du weiter damit umgehst und wie sich deine Gedanken dazu entwickeln. Ich pflüge mich nach und nach durch eure tollen Blogeinträge und bin begeistert von euren reflektierten Berichten – weiter so und danke, dass du uns teilhaben lässt.
    Liebe Grüße
    Janna

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *