Kannst du Atmen?

Wie ist meine Schulzeit, abgesehen vom ersten Tag?
Der Morgen beginnt damit, dass sich alle auf dem Schulhof nach Klassen sortiert aufstellen. Dann wird gesungen, gebetet und die philippinische Flagge gehist. Jeden Montag wird außerdem Zumba getanzt. Dabei muss jeder mitmachen. Das Lied ist ein moderner, englischer, Pop-Titel und macht tatsächlich gute Laune – zumindest beim Zuschauen. Dieses Mal sind wir ein Glück noch irgendwie daran vorbeigekommen, mit zu tanzen. Mal sehen, was ich mir nächsten Montag überlege.


Die Schüler legen ihre Schüchternheit langsam ab und dafür fragen sie mir mittlerweile Löcher in den Bauch. Die typischen Phrasen sind dann: “Woher kommst du?”, “Hast du Geschwister?”, “Magst du Reis?”, “Wie war deine Zeit bis jetzt?”. Ein etwas kleinerer Junge stellte dann aber die wohl süßeste und gleichzeitig witzigste Frage:”Miss Madi, are you able to breath?”. Nach einem ungläubigen Blick und einigen Sekunden Nachdenkzeit, fragte ich nochmal nach, wie er das denn meine, schließlich müsse jeder Mensch doch Atmen. “Your Nose is so little, how can you get enough air to live?”. In diesem Moment wollte ich den Jungen einfach nur in den Arm nehmen. So klein und solche neugierigen Fragen. Ich erklärte ihm, wie ich denn genügend Sauerstoff zu mir nehmen konnte und beantwortete weiterhin fleißig Fragen. Dieser Junge war aber nicht der einzige, dem meine Nase ins Auge gestochen war. Immer wieder sah ich, wie der Blick von meinen Augen herunter auf meine Nase ging. Schüler schauten sich gegenseitig an und hielten ihre Nase zu, um ungefähr eine so kleine Nase wie ich zu bekommen. Witzig mit anzusehen, aber irgendwie auch komisch. Schließlich sieht ja kein Mensch aus, wie der Andere.
Als ich während einer Unterrichtsstunde vor die Tür ging, um mein Asthmaspray zu nehmen und einige Schüler, die draußen waren, das sahen, wurde ich natürlich gefragt, was ich da nehme. Nachdem ich erklärte, dass es manchmal schwierig ist, zu atmen, wurde das Gerücht, dass ich zu wenig Luft bekomme, ungewollt verstärkt. Na toll.


In der Pause kamen 2 meiner Schüler auf mich zu mit einem Heft und stammelten halbwegs deutsche Satzteile vor sich hin. Zuhause hatten sie sich über die deutsche Sprache schlau gemacht und Fragen beziehungsweise Antworten für eine Kommunikation aufgeschrieben. Ehrlich gesagt bin ich davon immernoch etwas überwältigt. Sie sind wirklich neugierig und geben sich große Mühe, mich zu integrieren, aber auch viel über mich und meine Kultur herauszufinden. Ziemlich erwachsen für das zarte Alter von 12.
Auch sonst waren Schüler, die nicht in meine Klasse gehen, sehr interessiert. Während des Unterrichts kamen ständig Schüler rein, um Dinge auszuleihen. Das ist an sich ja nicht weiter komisch. Aber wenn 7 Schüler nervös vor der Tür stehen, dich angrinsen und lächeln, nur um dann eine Kokosnuss Schale auszuleihen, dann fühlt man sich beobachtet. Natürlich war es dabei wichtig, mit der halben Klasse zu kommen, einer Person kann man einfach nicht zumuten, etwas derartig Schweres zu tragen.


Von 07:30-09:30 Uhr bin ich also bei meiner 7. Klasse. Und danach? In meinem letzten Blogeintrag hört die Schule hier auf. Das stimmt aber nicht wirklich. Ab 09:30 Uhr gehen Lone und ich zusammen in die “Nursery”. Das ist eine Art Vor-Kindergarten.

In der Nursery 1 sind Kinder von 2-4 Jahren und in der Nursery 2 sind die Kinder 3-5 Jahre alt. Mit 5 kommen sie in den eigentlichen Kindergarten. Das ist aber alles ganz anders als in Deutschland. Hier muss jedes Kind in seiner Uniform auf einem Stuhl sitzen und der Lehrkraft folgen. Im Chor werden Lern-Lieder gesungen, das Alphabet aufgesprochen, spielerisch Aufgaben gelöst und sogar etwas geschrieben. Wer nicht zuhört, Quatsch macht, nicht auf dem Stuhl sitzen bleibt oder nicht im richtigen Moment aufsteht, dem wird damit gedroht, dass man die Wand anschauen soll. Die Regierung hat beschlossen, dass Kinder in der gesamten Schulzeit nicht geschlagen werden dürfen. Wie ich heraushören konnte, findet das nicht jeder Lehrer vorteilhaft. Manche Schüler bräuchten das, um diszipliniert zu werden, erzählt eine Lehrerin. Außerdem wird auch der Frust herausgelassen, dass es gesetzlich verboten ist, Hausaufgaben aufzugeben. Das hat mich sehr verwundert. Wobei die Schüler dafür sowieso nicht endlos viel Zeit haben, denn der Schultag für Kinder ab der 6. Klasse endet gegen 16 Uhr.
Am Freitag war unsere erste Deutschstunde. Jeder sollte seine eigene 7. Klasse unterrichten. Bei mir hat Lone im Hintergrund alles an die Tafel geschrieben und ich umgekehrt bei ihr. Zu meiner ursprünglichen Klasse kamen schnell weitere Interessenten, die am Unterricht teilnehmen wollten. Nach einigen Minuten war der gesamte Raum überfüllt. Neben “Guten Morgen” lernten wir wir auch die Zahlen von 0-5, die Buchstaben “Ä”, “Ö”, “Ü” und “ß”. Um eine kleine Kommunikation möglich zu machen, lehrte ich den Schülern einige Fragen und dazugehörige Antworten: “Wie geht es dir?”, “Wo wohnst du?”, “Wie viele Geschwister hast du?”. Als ich ansprach, dass wir gleich ein kleines Quiz machen würden, sah ich einen Schock in den Gesichtern. Hier werden Klassenarbeiten nämlich “Quiz” genannt. Schnell fügte ich ein “just for fun” hinzu und ich blickte wieder in erleichterte Gesichter. Auch, wenn nicht jede Antwort richtig war, bin ich immernoch sehr stolz, was man neugierigen und lernbereiten Schülern innerhalb von 30 Minuten beibringen kann.

Mittlerweile werde ich übrigens auf dem Schulhof nicht mehr mit “Good morning”, sondern “Guten Morgen” begrüßt. Auch “Danke” steht hoch im Kurs.
Während der Mittagspause wurde uns eine Nudelsuppe gebracht. Dankbar aßen wir. Ich löffelte so vor mich hin, als ich einen nicht ganz so erfreulichen Fund erblickte. Eine Hühnerkralle. Sie lag einfach so in meiner Suppe. Auch die Haut war noch dran. Ich versuchte mir nichts anmerken zu lassen, innerlich war mir aber ziemlich übel zu Mute. Ich pickte mir den Rest der Nudeln heraus und beteuerte, ich sei satt. Und das war ich auch, der Appetit ist mir vergangen.


Nun kommt etwas Außerschulisches vom Sonntag: Wir wurden endlich offiziell in unserer Kirche der Gemeinde vorgestellt. Nach dem Gottesdienst kam eine zirka 60 jährige Frau auf uns zu und sprach deutsch. Es war zwar mit starkem Dialekt, aber immerhin deutsch. Sie erzählte, sie habe 43 Jahre in Deutschland gelebt und sei nun hier in unserem Dorf bis Dezember. Die Frau hatte uns eingeladen, demnächst doch mal zu ihr Nachhause zu kommen und ihren Mann kennenzulernen. Auch sonst würde sie uns immer helfen, wenn es es nötig wäre. Ich bin dankbar, eine so nette und hilfsbereite Frau kennengelernt zu haben.


Ein großes Thema in der Schule am Montag war, dass wir am nächsten Tag zurück in die Hauptstadt Manila fliegen würden. Dort müssen wir unser Visum verlängern und ein weiteres beantragen. Nur leider wusste keiner so recht, wann wir genau fliegen, wie lange wir bleiben und wo unsere Boardingpässe seien. Nach langem hin und her wurde uns abends dann erzählt, wir würden doch erst Mittwoch fliegen. Nun schmissen wir die Pläne um und gingen doch Dienstag wieder zur Schule. Etwas unangenehm, denn jeder dachte, wir würden schon im Flieger sitzen. Naja, mittlerweile wissen wir, dass “organisiert sein” einfach nicht so richtig zu den Stärken von Filipinos gehört.


Mittlerweile sind wir in Manila angekommen, haben unser Visa verlängert und heute lernen wir 4 Jugendliche aus Schweden kennen. Wie es weiter geht, berichte ich im nächsten Blogeintrag.

Comments 1

  1. Hihi, ich feiere deine Blogeinträge! So eine kleine Nase ist aber auch gefährlich. Und Hühnerkrallen im Essen sind mit Sicherheit gewöhnungsbedürftig, oh je…
    Es klingt aber als würdest du dich gut einleben, auch an der Einsatzstelle. Ganz viel Spaß weiterhin und halte uns auf dem Laufenden.

    Viele Grüße
    Janna

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