Orientierung

Wanderung auf einen Berg bei Asaroka mit Blick auf die Landschaft

Moning tru! Nem bilong mi Cornelius na mi bai voluntia long Logaweng long Papua Niugini wanpela krismas.

Seit zehn Tagen bin ich nun in Papua-Neuguinea (PNG). Die Flüge hierher waren lang, aber zu meiner Überraschung und Freude lief alles reibungslos. Ich bin zusammen mit Malte gereist, dem anderen PNG-Freiwilligen der Nordkirche. Am Flughafen von Port Moresby, der Hauptstadt PNGs, haben wir vier andere Personen getroffen, die ich schon kannte, da wir im Frühjahr gemeinsam die Landessprache Tok Pisin gelernt haben: drei Freiwillige der Bayrischen Landeskirche und ein Theologiestudent, der in PNG sein Gemeindepraktikum macht. Zu sechst flogen wir weiter nach Goroka.

Unser Freiwilligendienst beginnt nämlich mit einer Orientierungszeit in dem benachbarten Asaroka, einer Region in der Eastern Highlands Province, und nicht direkt in unserem jeweiligen Projekt. Für diese Zeit leben wir in einer ehemaligen Missionsstation. Um uns kümmern sich Regine und Martin Weberuß, die volunteer coordinators, und Moses, unser Niugini wasman (Aufpasser). Die Orientierungszeit dient unter anderem dazu, unsere Tok Pisin-Fähigkeiten in morgendlichen Unterrichtseinheiten mit Moses aufzufrischen. Wir werden nicht „ins kalte Wasser geschmissen“ und direkt an unsere Zielorte gebracht, sondern haben zehn Tage Zeit, um Ausflüge zu machen und Erlebtes im Austausch miteinander zu verarbeiten, aber auch für uns selbst einordnen zu können.

Ich bin sehr dankbar für die Fülle an Unternehmungen und die Menschen, denen ich begegnet bin. Es kann allerdings nicht alles, was wir gemacht haben und erleben durften, in diesem Blog Platz finden. Selbst das Schreiben in mein eigenes Tagebuch fällt mir schwer, denn ich merke, dass ich mit dem Vorsatz, alles zu notieren, das mich bewegt hat, täglich ein Buch füllen müsste.

In meinem Blog möchte ich weniger beschreiben, was ich gemacht habe, sondern mehr auf meine Sichtweise und Gedanken in Bezug auf das Erlebte eingehen. Ich möchte hier einige Themen und Situationen teilen, die mich in der Zeit in Asaroka besonders beschäftigt haben:

Noch nie habe ich so oft an meine Hautfarbe gedacht. Wenn wir, sechs weiße, junge Männer, in Asaroka und Umgebung unterwegs sind, erregen wir Aufsehen. Ich habe das Gefühl, dass viele Personen sich freuen, uns zu sehen: Auf dem Markt wird uns „ol wait pikinini kam long hia“, „waitman“, „waitskin“ und „missionaries“ hinterhergerufen – das ist hier, so erfahre ich, positiv besetzt. Es gibt viele Hände, die geschüttelt werden wollen und viele Fragen, die auf Antwort warten. Dass mir diese Aufmerksamkeit gefällt, mag ich selbst nicht.

Moses hat uns gesagt, Weiß-sein wird von vielen Menschen mit wirtschaftlichem Reichtum und Wissen verbunden. Für mich sind weiß und schwarz nicht nur Hautfarben, sondern kritisch-politische Kategorien. Bei einem Besuch in der Primary School Asaroka habe ich mich darüber mit der Bibliothekarin unterhalten. In diesem Gespräch habe ich zwischen den Zeilen gehört, dass es auch viele Menschen in PNG gibt, die Weiße „nicht mögen“. Mit Menschen, die das fühlen, bin ich allerdings noch nicht direkt in Berührung gekommen oder vielleicht sind sie mir bisher nicht aufgefallen. Ich versuche das für mich einzuordnen: Zum einen befinde ich mich in einem kirchlichen Kontext, in dem viele Menschen mir etwas entgegenbringen, das ich als eine Form von Dankbarkeit für die Missionierung wahrnehme, was mich zeitweise befremdet. Zum anderen, gehen die missbilligenden Blicke, die wir auf der Straße vielleicht auch bekommen, bei mir unter zwischen Grüßen, Händeschütteln und lachenden Gesichtern. Die Gründe für die Ablehnung oder ein distanziertes Verhältnis kenne ich nicht, aber beim Versuch, mich in eine Person aus PNG zu versetzen, fallen mir viele Gründe ein, Weiße nicht zu mögen.

Eine Szene beschäftigt mich sehr, die beim Wäschewaschen am Fluss passiert ist. Malte war gerade dabei, das Waschpulver aus einer meiner Socken zu spülen, als ihm die Socke entglitt, der starken Strömung folgte und in den Büschen an der Flussbiegung verschwand. Ein alter Niugini, der neben uns saß und ein wenig mit uns geplaudert hatte, sprang auf und hechtete ins Wasser, um die Socke herauszufischen. Als er sie nicht mehr sehen konnte, watete er noch zehn Minuten durch das Gestrüpp und Wasser, um die Socke zu finden. Auch unser beschwichtigendes „Maski. Yu no mas painim soks bilong mipela. I orait!” konnte ihn nicht davon abhalten, weiterzusuchen. Seine Enttäuschung war groß als er die Socke auch nach intensivem Suchen nicht gefunden hatte. Ich fühlte mich in der Situation sehr unwohl, denn ich denke, er hätte die Socke nicht so lange gesucht, wären wir nicht weiß.

Gegen Ende der Orientierungszeit wurden wir in Asaroka weniger „angeschaut“. Ich vermute, das liegt daran, dass wir recht bekannt geworden sind, wobei unsere Besuche in den Schulen sicher geholfen haben. Asaroka ist eine Art lutherisches Schulzentrum. Hier befinden sich sowohl eine Elementary School (Klassen 1-2), als auch eine Primary School (Klassen 3-8) und eine Secondary School (Klassen 9-12). Der Aufbau des Schulsystems erinnert mich an Adelaide, wo ich 2016 für einen Term die Schule besucht habe. Manche der Schulgebäude stammen auch aus der Zeit Neuguineas als australisches „Territorium“ von 1919-1975.

Seit über zwanzig Jahren ist der Schulbesuch in PNG kostenlos. Der Staat übernimmt die Schulgebühren der einzelnen Schüler*innen. In den Schulen sieht und hört man aber, dass der Staat nur selten die versprochenen Summen zahlt. Somit werden andere Gebühren wie z.B. „project fees“ auf die Schüler*innen umgelegt. Immer wieder ist von Korruption in Port Moresby die Rede und ich habe das Gefühl, viele Lehrer*innen sind frustriert.

Ein ganz anderes Bild zeigte sich uns beim Besuch der University of Goroka. Hier zahlen die Studierenden die Studiengebühren in Höhe von etwa 2000€ pro Jahr selbst. Manche haben Stipendien vom Staat, der dann die Hälfte übernimmt. Die Universität hat WiFi, viele Computer, ein großes Auditorium, eine gut ausgestattete Bibliothek und vieles mehr. Einige Gebäude und große Teile der Ausstattung wurden von anderen Ländern wie China, Australien, Japan oder Korea bezahlt.

Die Studierenden, mit denen wir abseits unserer privaten Tour gesprochen haben, meinten, es gebe nur wenige Plätze an den Universitäten des Landes und die meisten Menschen könnten sich das Studium nicht einmal leisten, wenn die gesamte Großfamilie zusammenlege. Falls man ein Studium abgeschlossen habe, ließe sich trotzdem nur schwer eine Anstellung finden.

Dieses Bild spiegelt sich in Asaroka und Goroka wider. Viele Menschen ernähren sich von dem, was sie in ihren fruchtbaren Gärten anbauen und finden Wege, Geld dazuzuverdienen. Uns wurde gesagt, eine feste Anstellung hätten weniger als 10% der Menschen, selbst wenn sie eine Ausbildung genossen oder studiert hätten. Ich habe einmal die Mitreisenden im Bus von Asaroka nach Goroka gefragt, was sie in der Stadt machen wollten. Die Antwort der meisten Leute lautete: „Go raun long taun.“ (In der Stadt herumlaufen.) Eine Person hat uns darauf einfach den Tag lang in Goroka begleitet und wollte uns beim Tragen der Einkaufstaschen helfen.

Ich verstehe hier vieles nicht und vieles muss ich auch nicht verstehen können. Momentan empfinde ich es als befreiend, wenn es in Ordnung ist, einfach mal planlos zu sein. Es fühlt sich so an, als stehe ich nicht unter Druck, solange ich mir selbst keinen mache. Um mir ein bisschen Struktur zu geben, spiele ich täglich Geige.

Obwohl es mir nicht leichtfällt, all die Erlebnisse und Begegnungen in mein Tagebuch aufzunehmen, versuche ich mir dafür Zeit zu nehmen. Mein längster Tagebucheintrag stammt von dem Sonntag, an dem die Delegation der lutherischen Gemeinde Golden Grove aus Adelaide hier war. Ich habe sie als Menschen mit erzkonservativen, rassistischen und imperialistischen Ansichten erlebt. Sie kommen nach Asaroka mit dem Auftrag, zu fragen, woran es den Schulen fehlt, und sammeln anschließend Spenden und Gelder in Adelaide.

Bei den Schulbesuchen habe ich einige Auswirkungen dieser eingespielten Praxis gesehen. In der Klasse 6b handelt die Schullektüre im August von einer weißen Familie, die mit ihrer schwarzen Dienerin lebt. Viele der Schüler*innen benutzen beim Ausmalen von Haut „skin colour“ in ziemlich genau der Farbe meines Unterarms. Die Klassenräume zeigen Plakate mit weißen Menschen, auf denen die vier Jahreszeiten erklärt werden. Schade nur, dass Schnee in der Lebensrealität vieler Schüler*innen hier keine Rolle spielt.

Durch die gespendeten Materialien bestimmt die lutherische Gemeinde Golden Grove also indirekt den Unterrichtsinhalt mit. Diese Dinge wurden wohl irgendwo in der Umgebung von Golden Grove aussortiert, aber für die Schüler*innen in Asaroka reichen sie ja noch. Die Bibliothek der Primary School war gefüllt mit derartigen Schmuckstücken und die Grußworte, die die Delegation beim Gottesdienst in der Secondary School gesprochen hat, ließen erahnen, was es für eine „wonderful partnership“ ist.

Für mich war dies bisher das einprägsamste Erlebnis in Bezug auf den Einfluss anderer Länder auf PNG, aber es war bei weitem nicht das einzige. Bis jetzt bin ich in der Orientierungszeit täglich über Beispiele der finanziellen Abhängigkeit PNGs von anderen Staaten und der damit verbundenen Einflussnahme gestolpert. Für mich ist ein solches von kolonialen Kontinuitäten geprägtes Verständnis von Partner*innenschaft unverständlich. Es frustriert mich, die Auswirkungen der globalen Strukturen zu erleben. Am schlimmsten ist für mich aber, im Zuge des Freiwilligendienstes und durch meinen Alltag in Deutschland wissentlich Teil dieser Einflussnahme zu sein.

Schon jetzt habe ich aus meinem Freiwilligendienst mitgenommen, wie wichtig es ist, dass ich politisch aktiv(er) werde. Das habe ich vor allem in Kontakt mit den anderen Weißen gemerkt, die ich hier kennengelernt habe. Sie waren bisher nicht in der Blase, die ich jetzt erweitere.

Soweit einige meiner Erlebnisse und Gedanken aus der Orientierungszeit. Der nächste Schritt ist, von Asaroka nach Logaweng zu fahren und meine Heimat der nächsten elf Monate kennenzulernen. Ich bin gespannt, was mich erwartet!

Lukim yu!

Cornelius

Comments 1

  1. Ich habe sozusagen rückwärts gelesen und deinen ersten Eintrag nach dem zweiten gelesen. Mir bleibt nur zu sagen: Ich wünsche dir viel Erfolg und viel Kraft beim weiteren Einreißen und Verlassen deiner “Blase” und bin gespannt, deine Gedanken zu verfolgen und zu hören, welchen Umgang du für dich mit dem Erlebten, den Begegnungen und den Herausforderungen finden wirst.
    Nachdem ich gerade nach meinem Urlaub diverse eurer Blogeinträge gelesen habe, erfüllt mich auf jeden Fall eine große Dankbarkeit, euch zumindest aus der Ferne auf eurer Reise und euren Gedankenprozessen begleiten zu können.
    Viele Grüße aus dem ZMÖ
    Janna

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *