Privilegien

Seit mehr als zwei Wochen sind Leona und ich nun in Indien und es kommt mir vor, als wären wir schon zwei Monate hier.  Wir waren im Fitness Studio, in der Kirche, sind mittlerweile sogar schon Mitglieder im Kirchenchor, haben Nagpur besichtigt, einen Sari gekauft, waren bei der Schneiderin und auf der ersten indischen Hochzeit.

Einerseits gehen die Tage total schnell vorbei, andererseits bekommen wir aber auch so viel Input und neue Eindrücke, dass ich mir gar nicht vorstellen kann, dass das alles die letzten zwei Wochen passiert sein soll. Die Momente, in denen ich so richtig merke,dass ich noch nicht sehr lange hier bin, sind meistens die, in denen mir das Essen viel zu scharf ist. (Leider sehen grüne Bohnen und grüne Chilis sich sehr ähnlich- Man kann sich ja denken wie diese Geschichte geendet ist. ;))

In diesem Post möchte ich aber gar nicht so sehr auf all diese Erlebnisse eingehen, obwohl ich viele witzige und spannende Geschichten erzählen könnte, sondern ein Paar Gedanken einfangen, die vielleicht ein bisschen besser nachvollziehen lassen, was in meinem Kopf im Moment so vorgeht. 

Als weiße Person*, wird man hier ständig angestarrt. Manchmal ist es auf eine interessierte Art und Weise, z.B ein hinterher gerufenes “Welcome to India” , manchmal aber auch aufdringlich und etwas beängstigend. Wenn Leute zum Beispiel auf ihren Bikes (Mopeds) umdrehen und einen ungefragt fotografieren.  Generell werden hier viele Fotos von und mit uns gemacht. “Fare” sein ist hier einfach ein Schönheitsideal. Eine Bekannte von uns hat uns erzählt, dass vor allem jungen Mädchen, aber auch Jungen, oft von ihren Eltern gesagt bekommen, dass sie keinen Mann finden werden, wenn ihre Hautfarbe besonders dunkel ist.  Das hat mich sehr geschockt. Natürlich wusste ich das auch, da wir in unserer Vorbereitungszeit sehr intensiv darüber geredet haben, aber das nochmal so gesagt zu bekommen, ist etwas ganz anderes. Es fühlt sich auch so falsch an und unangenehm, aber das möchte ich in dem Moment nicht zeigen, da ich dann einfach unhöflich wirke und keine lange Diskussion führen möchte. Gleichzeitig will ich oft aber auch einfach kein Foto machen.  

Es ist einfach krass, dass ich nur aufGrund meiner Hautfarbe, bestimmte Chancen habe, die Andere nicht haben und ich würde mich dem gerne verweigern, was aber in dem Moment total unpassend ist. 

Im India Peace Centre sind Leona und ich wirklich verwöhnt. Unsere Wohnung ist westlich und riesig, für indische Verhältnisse. Die Wohnungen unserer Kollegen sind nicht viel größer, obwohl sie diese mit ihrer ganzen Familie bewohnen. Oft fühlen wir uns deswegen auch schlecht- genießen es gleichzeitig aber trotzdem. 

Außerdem ist das IPC sehr weit und modern, was ihre Ansichten angeht. Wir sind hier mit sehr vielen gebildeten menschen zusammen-  ein weiteres Privileg und ich kann viel lernen, auch über Indien, die Politik und viel über bildungspolitische Arbeit. 

Umso mehr hat mich heute ein Gespräch mit unserer Kollegin geschockt, die uns von ihrem Gehalt erzählte. Erstmal bekommt sie generell super wenig- mit meinem Kindergeld verdiene ich das Dreifache und das, obwohl ich nicht, so wie sie, ein Studium hinter mir habe. Und dann bekommt sie ein viertel des Gehaltes unseres männlichen Kollegen. Man muss dazu sagen, dass dieser hier zwar schon erheblich länger arbeitet, ich ihn aber selten dabei erlebe, wirklich zu arbeiten. Meistens spielt er Solitaire an seinem Computer- während unsere Kollegin seine Arbeit erledigt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass unser Chef das nicht bemerkt. Heute hat sie also nach mehr Gehalt gefragt und ein “Nein” bekommen, dabei war ich mir so sicher, dass unser Chef diese ungerechte Bezahlung zumindest angleicht. Ich weiß gerade selber nicht, was ich denken soll. Warum passiert das hier im IPC? Eigentlich kommen mir hier alle total weltoffen vor. Das hat mich heute ziemlich aus der Bahn geworfen. Das ist so schrecklich, ich fühle mich machtlos und weiß, dass ich nicht in der Position bin, das anzusprechen, obwohl ich es gerne würde. 

In der letzten Zeit, wird mir so sehr bewusst, wie Privilegiert ich bin. Gestern haben wir zum Beispiel gewaschen und ich wollte meine Handtücher mit heißem Wasser abkochen und habe dann das restliche, warme Wasser zum Duschen benutzt, Wir duschen hier sonst kalt- was auch voll in Ordnung ist, aber ich habe mich so sehr über diese Minuten Luxus gefreut.  Worauf ich mich auch richtig freue- ist eine Matratze, wir schlafen hier auf einer Art Holzliege und meine Matratze Zuhause ist dagegen so schön weich. Aber auch ein Luxus, den man eigentlich gar nicht braucht.

Auch mein Kaufverhalten ist mir aufgefallen- ich habe hier am ersten tag 7000 Rupis abgehoben- 62 Euro für mich. Ich komme damit zwar gut hin, hab, als ich meinen Sari gekauft habe, auch einen eher teureren genommen. Es waren 800 Rupis- etwa 11 Euro. Das ist super wenig- können sich hier aber die wenigsten einfach so leisten. Ich habe den gekauft, weil ich es schön finde, aus Spaß. Eine richtige Verwendung haben wir bis jetzt noch nicht. Einfach so- ziemlich verwöhnt. 

Mir ist wichtig, dass das nicht so klingt, als hätte man nur im Ausland die Möglichkeit zu lernen, was es bedeutet Privilegien zu haben. Das kann man auch in Deutschland ausprobieren- sich mal zu reduzieren- vielleicht einfach mal 2 Wochen mit mir kalt duschen? Ist übrigens echt gut für die Gesundheit. Sich mit Armut in Deutschland auseinandersetzen, mal mit Leuten abhängen, die nicht den gleichen Bildungssatnd haben, lesen. Es ist einfach so, dass man hier mehr damit konfrontiert wird.  Was ich hier viel mehr lerne, ist besonders, mit dem Gefühl umzugehen, so schnell nichts an Ungerechtigkeiten machen zu können. Das macht mir wirklich zu schaffen. Mir sind heute schon ein Paar Tränchen gekullert- naja meine große Klappe muss sich jetzt einmal zusammenreißen und ich muss mich disziplinieren. 

Insgesamt habe ich hier aber eine tolle Zeit, ich finde auch viel Zeit für mich, zum Lesen zum Beispiel, obwohl wir viel zu tun haben. Vielleicht erzähle ich nächstes Mal, eine meiner witzigen Geschichten- mal schauen, wie ich mich so fühle!

Weiß” und “Weißsein“ bezeichnen ebenso wie “Schwarzsein“ keine biologische Eigenschaft und keine reelle Hautfarbe, sondern eine politische und soziale Konstruktion. Mit Weißsein ist die dominante und privilegierte Position innerhalb des Machtverhältnisses Rassismus gemeint, die sonst zumeist unausgesprochen und unbenannt bleibt. Weißsein umfasst ein unbewusstes Selbst- und Identitätskonzept, das weiße Menschen in ihrer Selbstsicht und ihrem Verhalten prägt und sie an einen privilegierten Platz in der Gesellschaft verweist, was z.B. den Zugang zu Ressourcen betrifft. Eine kritische Reflexion von Weißseinbesteht in der Umkehrung der Blickrichtung auf diejenigen Strukturen und Subjekte, die Rassismus verursachen und davon profitieren, und etablierte sich in den 1980er Jahren als Paradigmenwechsel in der englischsprachigen Rassismusforschung. Anstoß hierfür waren die politischen Kämpfe und die Kritik von People of Color

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