Erste Impressionen

Wir befinden uns immernoch am Flughafen. Nach zirka 10 Minuten des verzweifelten Suchens waren wir überglücklich, als wir endlich Christy Mae und Jennifer sahen. Auf einem kleinen Schild stand irgendwas geschrieben. Da ich mein Glück kaum fassen konnte, übersprang ich die 3 Zeilen an Text und sah nur: Madita, Lone. Als sie uns sahen, kam ein erwärmendes und freundliches Lächeln in ihre erst so nichtssagenden Gesichter. Ich bemerkte, dass die Größe der Filipino kein Vorurteil ist. Beide gingen mir knapp bis zur Schulter und in Deutschland bin ich wirklich durchschnittlich groß, wenn nicht sogar etwas kleiner. Nach einer kurzen Umarmung und Vorstellung unserer Namen ging es auf die Suche nach etwas zum Essen. Eine gefühlte Ewigkeit liefen wir zu einem amerikanisch aussehenden Restaurant, das wie ein Imbiss aufgebaut war. Wir bestellten Spaghetti Carbonara und Wasser, da es keine Getränkekarte gab und ich nicht wusste, was es alles auf den Philippinen zum Trinken gibt. Christy und Jennifer gingen unser Essen bestellen und wir blieben vorerst alleine am Tisch zurück.
Nach einigen Minuten des Wartens bekamen wir unsere Spathetti und begannen zu essen. Das Wasser sah sehr bedauerlich aus. Eine kleine Plastikflasche mit ungekühltem und stillen Wasser. Wie begannen zu Essen und es schmeckte genau so, wie Spathetti Carbonara eben schmeckt. Nachdem wir nahezu aufgegessen hatten, kam dann das Essen von Christy und Jennifer. Wir hatten also nicht nur begonnen zu essen, ohne dass die beiden ihrs bekamen, sondern wir hatten auch noch fast unser Essen beendet. Beide hatten zum Trinken etwas Saft-ähnliches im 0,5L Format und das Glas war von außen so nass, dass es wirklich kalt schien. Ein bisschen beschämt und neidisch starrte ich nun den Rest meiner Spagetti an und fühlte, dass ich bereits nach den ersten 20 Minuten in ein Fettnäpfchen getreten war. Allerdings wussten wir ja nicht, dass beide sich etwas bestellt hatten, denn normalerweise wird Essen zusammen serviert und zwischen unseren Gerichten lagen zirka 10 Minuten Zeit.
Mittlerweile habe ich meine Mahlzeit fertig zu mir genommen und versuchte, die restliche Zeit mit Nippen an meinem Wasser zu überbrücken. Allerdings brauchten beide wirklich lange und redeten sehr viel in ihrer Landessprache. Nebenbei waren beide am Handy und schauten sich Videos an. Das fand ich ziemlich befremdlich, aber aufgrund meiner geringen Konzentrationsspanne wegen des Schlafmangels war ich eigentlich ganz froh, keine ausführlichen Gespräche führen zu müssen.
Nach diesem außerordentlich gelungenem Festmahl sollte es nun zum IFI gehen, wo wir die nächsten Nächte verbringen werden.
Als wir den Airport verließen und das erste Mal Manila sah, war ich etwas geschockt. Die Luft im Flughafen selbst war gar nicht schlecht und stickig, es war die ganz normale Luft in Manila. Der Geruch von Abgasen stieg mir penetrant in die Nase und ich hatte das Gefühl, nun wusste ich in etwa, wie ein Dieselmotor schmecken würde. Christy öffnete eine App auf ihrem Handy und bestellte innerhalb von einer Minute einen Taxi-Fahrer, deren Standort sie mitverfolgen konnte. Vielleicht gibt es sowas auch in Deutschland, aber gesehen hatte ich etwas derartiges noch nie zuvor. Trotzdem mussten wir noch eine ganze Weile auf unseren Car-Grapping-Driver warten. Diese Zeit nutzte ich, um die neue Stadt auf mich wirken zu lassen. Riesige Gebäude im Hintergrund, lautes Hupen der Autos, rennende Menschen durch die Auto-Massen und viele Lichter nahm ich wahr.
Endlich kam das Taxi und wir mussten mitten auf die Straße rennen mit unseren insgesamt 3 Koffern und riesigen Rucksäcken auf dem Rücken. Schnell verstauten wir alles im Kofferraum und nahmen im Auto Platz. Ich setzte mich in die Mitte und begann den Anschnallgurt zu suchen. Es gab zwar Gurte, aber durch eine Decke auf der Sitzbank waren diese verdeckt und definitiv nicht einsatzbereit. Alles klar, bei dem Verkehr kann das Auto sowieso nicht schneller als 20km/h fahren – dachte ich.
Nun starteten wir also die kleine Reise durch Manila, die ich als Sightseeing-Tour nutzte. Überall waren blinkende Lichter, Reklame für Alkohol und Zigaretten, alle Autos fuhren dorthin wo sie gerade wollen, es schien keine Verkehrsregeln zu geben und außerdem wurden wir außerhalb des Zentrums dann doch etwas schneller als 20km/h. Einfach, damit sich Freunde und Familie keine Sorgen machen, beschreibe ich die Geschwindigkeit mal so: Wir überschritten auf jeden Fall 21km/h.
Der Taxi-Fahrer war während der Zeit sehr viel am Handy, machte neue Termine mit Kunden ab und schien sich auf Facebook ein Bild für seine Tochter zum Geburtstag anzusehen. “Happy Birthday”, dachte ich und hoffte, dass er seine Tochter genug liebte, um nun wieder auf die Straße zu schauen und einen Unfall zu vermeiden.
Mir wurde gesagt, dass wir auf den Philippinen sehr viel angestarrt werden würden. Am Flughafen ist mir dies vor lauter Aufregung nicht aufgefallen, aber der Fahrer schaute mich sehr viel im Rückspiegel an. Er musterte mich zirka 10 Mal pro Minute. Nach einiger Zeit wurde mir dies wirklich unangenehm und ich versuchte, aus dem Fenster links und rechts zu schauen. Das war allerdings auch komisch, denn wir saßen auf der Rückbank sehr zusammengefercht und ich wollte weder Lone noch Christy anstarren.
Relativ am Ende der Fahrt bemerkte ich, dass der Fahrer mich gar nicht beobachtete, sondern ich einfach nur zu groß für die Rückbank war. Er wollte lediglich in seinen Rückspiegel schauen, um das Risiko für einen Unfall beim Spurenwechsel (wobei wir übrigens 3 Mal angehupt wurden, einmal von einem LKW) zu vermeiden.
Auf dem Weg fiel mir auf, dass es für 19:30 Uhr wirklich dunkel war und ich hatte das Gefühl, es sei mitten in der Nacht. Überall am Straßenrand lag Müll und es kauerten abgemagerte Hunde daneben. Einige suchten Essen in Mülltüten.
Als wir beim IFI ankamen, haben wir einige Leute kennengelernt, deren Namen ich natürlich direkt vergaß. Wir saßen auf einer Metallbank und bekamen WLAN. Endlich konnten wir unsere Familien und Freunde informieren, dass unser Flugzeug keine Ausnahme war und wir es doch tatsächlich überlebten. Nun schauten wir Fernsehen bis zirka 23 Uhr. Ich verstand eigentlich nur die Werbungen, die auf Englisch waren. Das Einzige, was ich von der Serie mitbekam, war, dass eine Frau im Gefängnis ein Baby bekam, das dann bei einem Feuer verbrannte. Wirklich tragisch, aber was daran Unterhaltung ist, kann ich nicht nachvollziehen. Und die Effekte des Feuers zusammen mit den überspitzten und viel zu hellen Schreien machten es nicht besser.
Dann ging es für uns in den Raum, wo wir schlafen würden. Ein Glück gab es eine Klimaanlage, die den Raum auf 18°C abkühlte. Im Badezimmer allerdings gab es nicht so gute Nachrichten: Eine Eidechse schien uns die nächste Zeit beim Zähne putzen zu begleiten. Und außerdem gab es kein Toilettenpapier. Das Wasser roch derartig nach Chlor, dass wir unser Trinkwasser benutzten.
Lone baute ihr Mückennetz um eines der 8 Stockbetten, ich aber gab nach endlosen Versuchen auf und ging das Risiko ein, zerstochen zu werden. Lediglich mit etwas Mückenspray sprühte ich mich ein.
Mitten in der Nacht wachte ich auf. Ich kratzte mich am Arm und fluchte innerlich über die vielen Mückenstiche. Laut prasselnder Regen gepaart mit Windböen erinnerten mich an mein Zuhause. Außerdem bekam ich extrem schlecht Luft. Es war zwar kein Asthma-Anfall, aber ich pfiff bei jedem Ein- und Ausatmen. Mein Notfall-Spray lag direkt neben meinem Bett in einem Rucksack. Minutenlang zögerte ich, es rauszuholen und zu benutzen, denn ich wollte Lone nicht wecken. Allerdings würde ich bei diesem Pfeifen wohl die gesamte Nacht keinen Schlaf mehr bekommen (Atemlos durch die Nacht, höhö), also entschied ich mich letztendlich dafür. Und so endete auch dieser endlose und ereignisreiche Tag.

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