Von Arbeitsalltag, Hitze und Weihnachtsfeuerwerken

Hier folgt nun, nach dem Motto; “lieber zu spät als nie, mein 2. Quartalsbericht den ich im Februar über die Monate November, Dezember und Januar geschrieben habe.

Liebes ZMÖ, liebe Freunde, Verwandte, Unterstützer und Interessenten,

als ich diesen Bericht geschrieben habe, war bereits die Hälfte meines Freiwilligendienstes vorbei. Sechs Monate in denen ich ziemlich viel gelernt und erlebt habe und die so verdammt schnell vergingen, dass ich ganz froh bin nun einen kurzen Moment innezuhalten und ein bisschen zu reflektieren was mich in letzter Zeit so beschäftigt hat. 

Wenn die letzten drei Sommermonate eins waren, dann waren sie heiß. 45 Grad im Dezember und Januar; keine Seltenheit. Ich habe mich schon daran gewöhnt, dass mein Gesicht irgendwie die meiste Zeit nass ist und selbst ein dünnes Bettlaken zum Zudecken beim Schlafen zu viel sein kann. Auch dass unser warmes Wasser oft nicht funktioniert, könnte mir nicht egaler sein. So anstrengend diese Hitze nun sein konnte, würde ich sie niemals für einen kalten deutschen Winter eintauschen. Weihnachtsstimmung kam bei mir im letzten Jahr zwar eher nicht auf, jedoch habe ich dafür eine ganz andere Feiertagserfahrung erleben dürfen. Am Abend des 24. war ich bei einer Familie aus meinem Projekt in der Comunidad „9 de Marzo“ eingeladen. Vorher bin ich mit meiner Mitfreiwilligen zum Weihnachtsgottesdienst in der deutsch-paraguayischen Kirche auf unserem Gelände, gegangen. Dort wurden die Strophen von „Stille Nacht, heilige Nacht“ abwechselnd auf Deutsch und auf Spanisch gesungen und bei genauerem Hinschauen konnte man erkennen, dass der große Tannenbaum neben dem Altar komplett aus recycelten und bemalten Plastikflaschen bestand. Danach ging es dann also zu meinem ersten paraguayischen Weihnachtsfest. Ich brachte einen Apfelkuchen und selbstgebackene Kekse mit und freute mich so viele Kinder und Jugendliche aus meinem Projekt dort zu treffen, die schon vor Mitternacht mit Böllern auf den Straßen umherliefen. Denn hier in Paraguay ist das „richtige“ Weihnachten am 25. Dezember, in welches wie an Silvester reingefeiert wird. Als ich also bei meiner Ankunft meine Gastgeber mit einem „Feliz Navidad“ (Frohe Weihnachten) begrüßen wollte, wurde ich schnell verbessert; „Das darf man erst ab Mitternacht sagen!“. Bis dahin wurde also viel Leckeres gegessen, Rollbraten, Sopa Paraguaya (ein Kuchenartiges salziges Maisgebäck), Mandioca (eine Art Wurzel die nach Kartoffel schmeckt, deutsch: Maniok) und eine Vielzahl an anderen traditionellen Köstlichkeiten. Zudem wurde ein typisches extrem süßes Getränk namens „Clerico“ getrunken. Das besteht hauptsächlich aus Obstsalat, welcher mit Sprite und ein bisschen Wein gemischt wird. Falls ihr euch fragt wann dann überhaupt die Bescherung stattgefunden hat, muss ich euch enttäuschen. Geschenke werden hier an Weihnachten eigentlich nicht gegeben, wenn dann nur in den reichen Haushalten, die sich an westlichen Standards orientieren. Dafür lag der Fokus viel mehr darauf eine schöne Feier gemeinsam mit der ganzen Familie und allen Nachbarn zu verbringen, um 12.00 Uhr gemeinsam anzustoßen, sich zu umarmen und die bunten Feuerwerke zu bestaunen. Bis spät in die Nacht wurde dann noch weiter gefeiert. Am nächsten Morgen habe ich mit meinen Mitfreiwilligen Geschenke ausgetauscht und dann noch einen etwas „deutscheren“ 1. Weihnachtstag bei einer ehemaligen deutschen Freiwilligen verbracht, die nun schon seit vielen Jahren mit ihrer Familie in Paraguay lebt. Dort kam dann auch der Weihnachtsmann mit seinen Gaben und trag sogar bei den hohen Temperaturen seine rote Bommelmütze. Silvester habe ich dann einfach mit meinen Freunden in Asuncion verbracht und um 00:00 von der Costanera (aka dem Strand am Rio Paraguay) aus die Feuerwerke bewundert. Da ich in diesem Monat auch Geburtstag hatte, war er leider auch sehr von Heimweh geprägt. Jedoch konnten mich all die wunderschönen Erlebnisse und neuen Erfahrungen immer wieder schnell aus nostalgischen Gedanken, rein in ein blühendes, warmes, buntes „Hier und Jetzt“ ziehen. Im letzten Monat haben wir zum Beispiel herausgefunden, dass wir auf unserem Gelände nicht nur einen Mango-, sondern auch einen Avocado- sowie einen Guayababaum haben! Guayabas sind innen rosa und super lecker. Und das Beste; man kann sie einfach so mit Schale essen. 

Am prägendsten war für mich aber in den letzten Monaten aber natürlich meine Arbeit mit der Callescuela. In der Comunidad „9 de Marzo“ in der ich arbeite und von der ich in meinem ersten Rundbrief schon ein wenig berichtet hatte, habe ich weiterhin mit niños, niñas y adolescentes trabajadores zusammengearbeitet, das heißt Kindern und Jugendlichen die arbeiten. Ich konnte in dieser Zeit nicht nur ihren Bildungsweg mitbegleiten, sondern intensiv ihre Wohn und Familien-situationen sowie ihr soziales Umfeld kennenlernen-, ein toller Vorteil wenn man direkt am Wohnort der Projektteilnehmer arbeitet. So habe ich das Gefühl mehr und mehr in die Gemeinschaft einzutauchen und alle Dynamiken und Probleme die es dort gibt, werden mir immer genauer offenbart, je mehr ich von den Bewohnern aufgenommen werde. Es ist ein wunderschöner, sowie auch oft trauriger Prozess die Hintergründe der Kinder und Jugendlichen so gut kennenzulernen. Einerseits freue ich mich unendlich wenn mir eines der Kinder von seinem/ihrem Tag erzählt oder mich zum Beispiel zu sich nach Hause einlädt. Andererseits ist es oft sehr schockierend zu hören, dass die Eltern einiger Kinder Alkoholiker sind, ihre 17-jährige Schwester sich alleine um ihr Baby kümmern muss oder dass manche von ihren Eltern daran verhindert werden zur Schule zu gehen, da sie im Haushalt aushelfen müssen. Und da ist sie dann wieder. Die allgegenwärtige Ungerechtigkeit. Sie ist jeden Tag in meinem Leben hier präsent; wenn ich zur Arbeit fahre, vorbei an Straßenverkäufern und Fast Food Ketten. Wenn ich auf der einen Seite die dekadenten Luxus-Einkaufszentren Asuncions, sowie auf der anderen Seite die provisorischen Zelte aus Plastiktüten sehe, in denen sich viele Menschen im Zentrum niedergelassen haben. Sie wurden aufgrund von zum Beispiel Bauprojekten von ihren ursprünglichen Wohnorten vertrieben und haben nun aufgrund der fehlenden Unterstützung des Staates, keinen anderen Ort an den sie gehen können. Am Anfang habe ich mich noch sehr mit einem alltäglichen Schuldgefühl herumgetrieben, ausgelöst durch das Unverständnis über mein eigenes Wohlbefinden und dessen Willkürlichkeit. Wieso durfte ich eigentlich so sorglos aufwachsen und andere nicht? Wieso habe ich als weiße Europäerin all diese Privilegien ohne jemals etwas dafür getan zu haben?  Jedoch wie die Ärzte schon sagten; „Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt ist wie sie ist. Es wär’ nur deine Schuld wenn sie so bleibt“. Also habe ich aus all diesen täglichen Beobachtungen und Gedanken mittlerweile eher Motivation für meine Arbeit und meinen zukünftigen Lebensweg geschöpft. 

Meine Aufgaben und täglichen Aktivitäten auf der Arbeit waren auch in den letzten drei Monaten wieder konstant vielseitig. Ende November lag mein Fokus zum Beispiel wieder sehr bei der Unterstützung der Nachhilfe, da Ende November die Sommerferien begonnen haben und daher die letzten Prüfungsphasen, viele Kinder und Jugendliche zum Lernen anregte. Die Nachhilfe bei der Vorbereitung auf die letzten Prüfungen war auch gerade deshalb so wichtig, da die Endergebnisse über die Versetzung der Kinder ins nächste Schuljahr entscheidend sind. Und da einige unserer Kinder aus dem „9 de Marzo“ schon ein oder zweimal das Jahr wiederholt hatten, gab es zusätzlich das Risiko, dass sie die Schule wechseln müssten. Und Schulwechsel hieße dann in manchen Fällen auch gleich Schulabbruch, da leider wenige staatliche Schulen diese Kinder, die schon mehrmals wiederholt haben, aufnehmen wollen. Und Privatschulen, welche dafür eher bereit wären, für die Familien schlichtweg zu teuer sind. Mit diesem Ansporn im Hinterkopf habe ich also zum Beispiel dreimal die Woche mit einigen Jugendlichen Englisch gelernt, mit einer Grundschülerin lesen geübt und einfach so gut es geht meine Mitarbeiter unterstützt. Doch nicht nur die Schulzeit neigte sich in den letzten Novemberwochen dem Ende zu, sondern auch das Jahr mit unserer „CEPI“ Kleinkindergruppe, die auch eine Sommerpause einlegen würde. Um die Erfolge der Kleinen in dem vergangenen Jahr zu feiern, haben wir in den beiden Comunidades bei denen die Callescuela aktiv ist eine sogenannte „Clausura“ veranstaltet. Das kann man eigentlich ganz gut mit einer kleinen Art Zeugnisverleihung vergleichen, mit Präsentationen des Erlernten sowie einem gemeinsamen Essen. Da wir unsere 2-5 jährigen Teilnehmer aber natürlich noch nicht benoten, gab es keine Zeugnisse, sondern für jeden eine individuell gestaltete Mappe mit all den Werken, die im Jahr 2018 im Rahmen der CEPI Gruppe so erarbeitet wurden. Zudem gab es noch für jeden zur Belohnung ein Paar Süßigkeiten, ein „CEPI“ T-Shirt mit Namen und ein Foto mit den Eltern. In der Comunidad „9 de Marzo“ habe ich sogar noch mit einer Mutter zusammen kleine „Graduation“ Hüte gebastelt, wie jene, die in den amerikanischen Filmen immer hochgeworfen werden. Nach all diesen schönen, sowie aber auch anstrengenden Abschlüssen im Projekt ging es danach auch schon los mit Planungstreffen aller Mitarbeiter, in denen wir auf das Jahr zurückgeblickt haben um Verbesserungen für das Nächste zu sammeln. Zudem begann eine Phase des Umbaus, da durch die Unterstützung einer luxemburgischen Organisation, namens PNP, die Renovierung der beiden Lokale in den Comunidades sowie die des Hauptbüros ermöglicht wurde. Wir haben jetzt in „9 de Marzo“ zum Beispiel einen neuen Boden und ein neues Dach und in „Villa Elisa“ eine Klimaanlage, die bei den hohen Temperatur hier im Sommer, von allen sehr willkommen geheißen wurde. Zudem wurde in Ciudad del Este, Paraguays zweitgrößter Stadt, ein neues großes Gebäude für die CONNATs, die Organisation der arbeitenden Kinder und Jugendlichen, welche die Callescuela unterstützt, eingeweiht. Für die Einweihung sind wir extra mit allen Repräsentanten der unterschiedlichen Einsatzstellen 6 Stunden mit dem Bus hingefahren um auf der Feier dann ausgelassen zu tanzen. In diesem Gebäude werden in Zukunft noch viele Treffen und Freizeiten stattfinden, da genug Seminar- und Schlafräume für eine Menge Kinder vorhanden sind. Wenn wir nicht gerade damit beschäftigt waren Listen und Reports für den Jahresrückblick fertigzustellen, stand die Ferienfreizeitgestaltung der Kinder und Jugendlichen im Dezember an erster Stelle. Da wir das Lokal den ganzen Monat ja leider nicht nutzen konnten, bestand diese hauptsächlich aus Fußball/Volleyball spielen auf dem anliegenden Plätzen. An einem Tag haben wir aber auch mit allen teilnehmenden arbeitenden Kindern und Jugendlichen der Callescuela einen großen Ausflug zu einem Freibad gemacht. Dort wurde geplanscht, gespielt und gegessen während meine Mitfreiwilligen und ich die Poolaufsicht machten. Dabei hatten wir so viel Spaß, dass ich erst zu Hause meinen Sonnenbrand bemerkte….

Von Arbeitsalltag, Hitze und Weihnachtsfeuerwerken
Tanzen mit den Kindern der CEPI Gruppe

Als ich dann im Januar im Urlaub war, habe ich meine wilde Truppe an Kindern vom „9 de Marzo“ richtig vermisst. Auch nach meinem Zwischenseminar in Buenos Aires, habe ich neue Motivation und Ideen für die nächsten sechs Monate, beim Austausch mit meinen Ansprechpartnern und Mitfreiwilligen, gesammelt. Ich bin schon sehr gespannt wie nun das zweite Halbjahr im Projekt für mich aussehen wird! 

Insgesamt bin ich jeden Tag aus Neue dankbar für die tollen Erfahrungen die ich hier machen darf. Das paraguayische Lebensgefühl hat mich gepackt. Ein Leben ohne Tereré (kalter Mate), Chipa (Käse-Mais Gebäck) aber dafür wieder mit Geschirrspülmaschine und Busfahrplänen, kann ich mir schon gar nicht mehr vorstellen. Wenn ich in den letzten Monaten etwas gelernt habe, dann ist es; „otro mundo es posible“, dass eine andere Welt möglich ist, eine andere Welt in welcher andere Gesetze und Standards gelten als unsere Bekannten. Und dass man diese mit offenen Armen empfangen sollte.

Mit diesen Worten wünsche ich euch erstmal alles Gute und sende euch eine Menge besos und abrazos (Küsse und Umarmungen) aus dem schönen Paraguay!

Chao meine amigos,

Eure Merle

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