Alles Neu macht der Mai

In meinen nostalgischen Momenten schaue ich manchmal auf unseren Blog, lese die Beiträge der anderen nochmal, lese meine eigenen. Frage mich staunend, ob ich mich damals, in der fernen ersten Hälfte, wirklich so gefühlt habe, wie es da steht. Ja, so muss es gewesen sein, in der fernen ersten Zeit. Wie schön es wäre, wenn mein Freiwilligendienst nur aus euphorischer Integrität, radikaler Akzeptanz und selbstverlorener Erleuchtung bestünde, denke ich, und wie gut, dass es nicht so ist. 

            Natürlich haben sich meine Lebenswelt und meine Erfahrung derselben seit dem letzten Eintrag längst verändert und ich fühle mich ein bisschen schlecht darüber, dass ich nichts mehr auf den Blog stelle. Was stellt der Blog auch dar – eine Sammlung sinnlicher stilistischer schmackhafter Schnappschüsse, oder einen Spiegel der realen Gesamtheit eines Jahres im Ausland? Letzteres wird er zweifellos nie verkörpern, und doch fühle ich mich – wo ich einmal mit der Bloggerei angefangen habe – doch für eine gewisse Up-to-date-heit und Ehrlichkeit der Leserschaft gegenüber verantwortlich.

            No news, good news, mag man denken, aber so ist es in meinem Fall nicht. An dieser Stelle wäre es einfach, die Berichterstattung auf persönliche Gespräche in Deutschland zu verschieben, aber irgendwie kann ich es nicht ganz aufgeben, die bereits hochgeladenen Bilder meines Aufenthalts durch einen weiteren Realitätscheck zu ergänzen. Ja, wir brauchen Grenzen des Selbstschutzes zwischen uns und der Öffentlichkeit, aber ich sehe eine Gefahr in der gesellschaftlich idealisierten Promotion rein positiver Selbstbilder – fühlt man sich gut, ist in allen sozialen Medien dafür Platz, fühlt man sich schlecht, soll man andere damit bitte nicht belasten oder in Verlegenheit bringen.

            Keine Sorge, meine Absicht ist es nicht, euch zu belasten oder in Verlegenheit zu bringen, aber es muss etwas geschrieben werden, dass nicht nach Perfektion riecht. Vorallem mir selber möchte ich eingestehen, dass die zweite Hälfte meiner Zeit in Kenia ebenso gültig ist und Platz einnimmt wie die erste. Ab und zu kommt mir die Fantasie, ich könnte einfach irgendwann meine Tagebücher veröffentlichen und müsste mich der Welt gegenüber dann nicht weiter erklären, aber dann fällt mir ein, dass das nur bei Leuten wirkt, die berühmt und tot sind.

            Was kann ich also schreiben? Ich wachse an Schwierigkeiten? Ich lerne mich in meiner Tiefe besser kennen? Ich durchschreite ein Tal der Dunkelheit, um schließlich gestärkt und mit einer neuen Schätzung des Lichts daraus hervorzugehen? Mag zwar stimmen, ist aber wiederum positiv stilisiert und außerdem nichtssagend. Ich möchte einfach mitteilen, dass es mir im Moment nicht gut geht – ohne jemanden zu etwas bewegen zu wollen und ohne irgendwen durch den Kakao zu ziehen.

            Gründe gibt es viele, in meinem Umfeld und in meiner Selbst, doch ich möchte in diesem Rahmen keine Schuldfrage aufbringen, weder in Bezug auf die Menschen, die mir hier begegnen, noch auf meine Vergangenheit. Meine Einsatzstelle ist ein Faktor, die Konfrontation meiner Privilegiertheit ist ein Faktor, der näherrückende Abschied ist ein Faktor. Oft frage ich mich, was „mit mir los“ ist – what’s wrong with me?– doch auf diese Frage kommt es weniger an, als darauf, mich so anzunehmen, wie ich eben bin. Dass darin meine Hauptaufgabe liegt, meinte auch schon meine Psychotherapeutin, mit der ich seit März einmal in der Woche per Videoanruf spreche. 

            Manche Leute bemerken kritisch, dass ich auf dem Blog nie darüber schreibe, was tatsächlich in meinem Leben passiert; alles sei immer irgendwie abstrakt, philosophisch oder emotional. Es tut mir leid, dass es in erster Linie um mich geht und so wenig um das Land – am Ende sind es immer nur meine Gefühle, die das Erlebte auszudrücken vermögen. Somit bleiben meine Einträge bloße Momentaufnahmen und der Blog eine Sammlung von Schnappschüssen – irgendetwas muss ich mir ja auch für die persönlichen Gespräche in Deutschland aufheben.

            An alle meine lieben Freund*innen, die da draußen in der Welt ihre Freiwilligendienste leisten und die sich in ihren schwierigen Momenten mitteilungsunfähig oder -unverdienend fühlen – ihr seid nicht allein! Egal ob wir denken, dass es uns aufgrund unserer Hautfarbe und Herkunft gut gehen müsste, sind unsere Gefühle richtig und wichtig. Es tut mir auch leid, dass ich mich bei so vielen von euch nicht melde, nicht zurückmelde oder nicht genug melde – ihr wisst, wie die Zeit vergeht! (Niemand bringt diesen Satz so oft über die Lippen wie Senior*innen oder Freiwillige.) No news, good news, stelle ich mir auch für euch immer gerne vor, aber… so ist es nunmal nicht immer. An welchen Schwierigkeiten ihr auch reifen und wachsen möget – und das gilt für alle Leser*innen – alles Liebe aus Kenia.


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